Wenn ein Dorf stirbt

In dem Dorf Romanjonki leben 14 Katzen, zwei Hunde, drei Welpen, die Ziege Anjuka und ein Mensch. Von der Zeit verbogen, von der schweren Arbeit geschunden – Lidija Zaitseva. Zutraulich stupst Anjuka ihren Kopf gegen das Knie der alten Frau, die sich schwer atmend auf ihren Holzstock stützt. Nein, einsam sei sie nicht, sagt Lidija Zaitseva. Sie spricht mit der Ziege, mit den hüfthohen Gräsern, die ihr jeden Schritt so schwer machen, mit dem Wind. Nur der Tatendrang ist nach 78 Lebensjahren etwas gedämpft. „Ich habe keine Kraft mehr, nur noch Gedanken.“,Lidija Zaitseva pustet noch einmal durch, dann stampft sie mit schwerem Schritt voran. Ihr Haus ist schon in Sichtweite. Dieses Zwergenhaus mit den tiefen Decken, in dem alles ein wenig aus den Fugen geraten ist. Es ist das letzte Haus in Romanjonki – in einem sterbenden Dorf.

Romanjonki war einmal ein sowjetisches Durchschnittsdorf in der Nähe von Smolensk in Westrussland. 40 Häuser, ein Lebensmittelladen, Arbeit gab es in der Kolchose nebenan. Dann kamen die Jahres der Perestroika, die Kolchose brach zusammen, die Bewohner von Romanjonki suchten das Weite, bevor auch sie vom Wirbel des Vergessens erfasst werden konnten. Nach 20 Jahren Stillstand sind von den Häusern nur noch Holzstapel übrig, längst von Brennnesseln überwuchert. Vom alten Dorf zeugen etwa ein Dutzend Apfelbäume, die schwer an ihren Früchten tragen. Viel mehr Äpfel, als Lidija Zaitseva allein je ernten kann.

Romanjonki ist kein Einzelfall. Russland verstädtert. Und wo es nicht verstädtert, da verödet es. Nach Angaben des russischen Ministeriums für regionale Entwicklung verschwanden von 1990 bis 2010 23.000, vorwiegend kleinere Orte von der Landkarte. Das sind durchschnittlich drei pro Tag. Einige Dörfer werden von Städten geschluckt, andere weichen einer Bergbaumine, in wieder anderen fehlt nach der Schließung der einzigen Fabrik die Lebensgrundlage. Meistens sind es Orte in der russischen Weite, fernab von Schnellstraßen, Stromleitungen und Ablenkungen des modernen Lebens, die ausbluten. Der Weg, der Romanjonki mit der nächsten Straße verbindet, ist längst nur noch eine Schneise im Wald. Drei Mal in der Woche kämpft sich Lidija Zaitseva diesen Weg entlang, drei Kilometer weit. An der Straße hält ein Auto mit Lebensmitteln. So versorgt sie sich mit dem Nötigsten.

Sie werde Romanjonki nicht verlassen, sagt Lidija Zaitseva. „Das ist meine Heimat.“ Vor einigen Jahren besuchte sie ihre Tochter in St. Petersburg, das sie immer noch Leningrad nennt. Nach zwei Tagen wurde sie krank und flüchtete zurück in ihr Dorf, das längst kein Dorf mehr ist. Im Sommer ist die Luft hier schwer vom Summen der Insekten. In ihrer schweren Jutejacke sitzt Lidija Zaitseva auf einem Hocker, ihre vor Dreck starren Hände fahren durch das Fell eines neu geborenen Welpen. Durch die milchig trüben Fenster blickt sie nach draußen, zum Heuhaufen. Das Stroh müsste vor dem Herbst ins Trockene gebracht werden. Für einen Moment sieht die alte Frau so aus, als wolle sie aufstehen, dann bleibt sie doch sitzen. Die Welt von Lidija Zaitseva wird jeden Tag kleiner. Wenn sie nicht mehr da ist, ist wieder ein Dorf gestorben. 

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